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Filmkritik

The Hypnotist

Lasse Hallström hat kurzfristig ins Thriller-Genre gewechselt und will auf den lukrativen «Schwedenkrimi-Zug» aufspringen. Den Anschluss aber verpasst er um Längen.

Blick ins Leere: Wie weiter, Herr Hypnotiseur (Mikael Persbrandt)?

Eine unheimliche Kapuzengestalt gerät in Blutrausch: In einer verlassenen Turnhalle in einer Schule in Stockholm wird ein Sportlehrer anscheinend grundlos brutal niedergestochen. Das Blut spritzt. Das Opfer erleidet einen qualvollen Tod. Damit nicht genug. Auch seine Ehefrau und seine Tochter liegen im trauten Heim in einer Blutlache. Hoffnung flackert auf, da der zwölfjährige Sohn das Massaker überlebt hat. Er fällt allerdings ins Koma. Der einzige Zeuge dieser schrecklichen Tat wird zur Schlüsselfigur in dieser schwedischen Romanverfilmung. Kommissar Joana Linna (Tobias Zilliacus) greift zu unlauteren Methoden, um den Killer zu schnappen: Hypnotiseur Erik (Mikael Persbrandt), ein Wrack und Taugenichts, soll den Teenager mit paranormalen Methoden aushorchen und ihn zu einer Aussage bringen, damit der Kapuzenmann aus dem Verkehr gezogen wird. Das Vorhaben scheint zu gelingen und die Schnitzeljagd kann beginnen: Wer verbirgt sich unter dem schwarzen Umhang und was ist sein Motiv? Die Spannung steigt... und flacht schnell wieder ab. Egal ob Stieg Larssons Millenium-Trilogie oder die berühmte Wallander-Reihe, Krimis aus dem hohen Norden reiten seit Jahren auf einer Erfolgswelle. Neue Bücher mit Tatort Skandinavien verkaufen sich bestens und erfreuen die Verlagsinhaber. Das Geld fliesst in Strömen. Auch die zahlreichen Kinoverfilmungen und Spielfilme im Fernsehen bringen betriebswirtschaftlichen Erfolg. Der Zenit der Schwedenkrimis scheint noch lange nicht erreicht zu sein. Schlechtes Wetter, melancholische Grundstimmung, zerknitterte Charaktere und spärlich ausgeleuchtete Schauplätze gehören genauso dazu wie eine unvorhergesehene Auflösung und ein düsterer Schlussakt ohne grosse Happy End-Feierlichkeiten. Mit einem solchen Grundgerüst sollte nichts mehr schief gehen. Lasse Hallströms Verfilmung von Lars Keplers Bestseller macht da zu Beginn keine Ausnahme und serviert das Gewohnte auf einem Silbertablett. Doch das Silber wird mit Blutrot übergossen: Überstilisierte Gewaltexzesse und detaillierte Horrorszenen sind unpassend und vergewaltigen die schwedische Seele des Films. Die Gewaltausbrüche sind so sehr fehl am Platz, dass sie regelmässig ins Lächerliche pendeln. Das blutige Stilmittel wirkt wie ein Fremdkörper. Die Charaktere hingegen leiden an Blutarmut. Der Hypnotiseur hat trotz kaputter Biografie die Ausstrahlung einer Badezimmerkachel. Er lässt den Zuschauer kalt und seine paranormalen Spielereien sind für den Verlauf der Geschichte zwar nötig, aber so unspektakulär in Szene gesetzt, dass das Gähnen unterdrückt werden muss. Der Kommissar, in der Regel die faszinierendste, glaubwürdigste Person in einem Schwedenkrimi, gerät während des Ermittlungszirkus in den Verdacht, die Polizeischule nie wirklich besucht, geschweige denn sein Examen bestanden zu haben. So uninspiriert und einfallslos hat sich selten ein Gesetzeshüter auf der Leinwand angestellt. Schleppend und zähflüssig zieht sich denn auch die Spurensuche während zwei Stunden von Schauplatz zu Schauplatz – bis zum durchaus packenden Finale. Immerhin entschädigt der Schlussakt für das Durchhalten – wenn dem Zuschauer bis dahin nicht schon seine Augenlider zugefallen sind. Denn ganz nach dem klassischen Whodunit-Schema  der englischen Kriminalliteratur, kann der noch wache Zuschauer miträtseln, wer sich unter der schwarzen Kapuze befindet. Da sich zahlreiche Figuren und Nebencharaktere auf der Leinwand tummeln und jeder irgendwie verdächtig zu sein scheint, bietet der Film gegen Ende sogar einen soliden Unterhaltungswert. Nach dem Film ist vor dem Film: Lasse Hallströms Seitensprung in das Spannungskino sei dem Macher von Kultfilmen wie «The Cider House Rules», «Chocolat» oder «Salmon Fishing in The Yemen» verziehen. Denn bereits steht sein neues Werk in den Startlöchern: Die Romanverfilmung «Safe Haven» wird wieder grosses Gefühlskino mit Emotionsüberschuss. Der Schwedenkrimi und seine Fans werden nichts dagegen haben.

Info: Im Kino Rex 2, Biel.

Simon Dick

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