
Mit seiner umfassenden Filmografie gehört Martin Scorsese längst zur absoluten Regie-Königsklasse in Hollywood. Seine Faszination für das Medium Film reicht dabei weit über die Produktion hinaus. So war und ist es seit Jahren Scorseses erklärtes Anliegen, neue Wege zur wirksamen Restaurierung und Erhaltung von alten Filmwerken zu finden. Dass der chemische Zerfall alter Filme um jeden Preis verhindert werden müsse, wird Scorsese nicht müde in vielen Interviews zu betonen.
So erstaunt es nicht, dass «The Invention of Hugo Cabret», das 2007 erschienene, reich illustrierte Jugendbuch von Brian Selznick den Regie-Altmeister sofort in seinen Bann zog. Die spannende Mischung aus Kinder-Abenteuer und Filmgeschichts-Zeitreise musste einen Cineasten wie Scorsese zwangsläufig ansprechen. Dass der Regisseur nun, gut vier Jahre später, für die Verfilmung verantwortlich zeichnet, ist eine nur logische Folge. Auch dass Scorsese, der in seinen Filmen immer wieder neue visuelle Erzählformen und Stilmittel sucht, früher oder später auf den 3D-Zug aufspringen würde, war nur eine Frage der Zeit. Mit «Hugo» fand er eine äusserst üppige Spielwiese, um sich mit der neuen Technik gebührend auszutoben.
Der Film erzählt vom zwölfjährigen Hugo Cabret (Asa Butterfield), der als Waisenjunge in den Gemäuern des Pariser Bahnhofs Montparnasse lebt und unter Aufsicht seines alkoholkranken, ruppigen Onkels (Ray Winstone) dafür sorgt, dass die Bahnhofsuhren stets die richtige Zeit anzeigen. Der Junge ist zudem fasziniert vom einzigen Erinnerungsstück seines verstorbenen Vaters (Jude Law) – einem mechanischen, menschenähnlichen Automaten, der eine geheime Botschaft zu enthalten scheint, aber anscheinend nicht mehr funktioniert. Auf der abenteuerlichen Suche nach Ersatzteilen trifft Hugo auf die junge Isabelle (Chloë Grace Moretz) und ihren mysteriösen Onkel Georges (souverän: Ben Kingsley), der einen ganz speziellen Bezug zu diesem mechanischen Roboter zu haben scheint. Hugo und Isabelle versuchen, Licht hinter das Geheimnis zu bringen. Dabei geraten sie in ein turbulentes Abenteuer, das sie zurück zu den Anfängen der Filmkunst führt.
«Hugo», nominiert für elf Oscars, besticht vor allem durch seinen Detailreichtum und seine Optik. Das Gipfeltreffen der Vorstellungskraft von Buchautor Brian Selznick und Scorseses visuellen Höchstleistungen ist eine Augenweide, die ihresgleichen sucht, nicht zuletzt dank dem cleveren Einsatz der 3D-Technologie. Scorsese mag zwar ein Neuling auf dem Gebiet sein, zeigt aber, dass er schon bei seinem ersten Film besser damit umzugehen versteht als viele andere Regisseure vor ihm. Auch wenn «Hugo» Oscars in den begehrtesten Kategorien (Bester Film, Regie, Drehbuch) verwehrt bleiben dürften, könnte in den technischen Disziplinen die eine oder andere Gold-Statuette drinliegen.
Die filmisch-visuellen Stärken vermögen aber einige inhaltliche Schwächen nicht zu kaschieren. Die Geschichte funktioniert in Buchform besser als im Kino. In der ersten Hälfte ist «Hugo» vor allem ein verspielter, jedoch oft oberflächlicher Kinder-Abenteuerfilm. Die Ausarbeitung der Charaktere und der komplexen Handlungsstränge wird von optischen Schauwerten und Ulk-Einlagen rund um den von Sacha Baron Cohen («Borat», «Brüno») verkörperte strengen Bahnhofvorsteher überlagert. Ältere Zuschauerinnen und Zuschauer dürften hier mehr als einmal hinter der 3D-Brille die Augen rollen. Was also als Kinderfilm beginnt, wird gegen Ende hin immer mehr zur filmhistorischen Zeitreise. Hier wendet sich nun das Blatt für das Publikum. Jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer könnten mit dem Ausflug in die filmwissenschaftliche Geschichte überfordert sein, dafür haben die Erwachsenen nun wohl deutlich mehr vom Film. Ein eigentliches Zielpublikum für «Hugo» zu bestimmen ist eher schwierig. Wer sich das Werk jedoch in erster Linie wegen der meisterlichen Machart und der Wucht der Ausstattung und der 3D-Effekte ansieht, wird reichlich belohnt. In diesem Punkt wird Martin Scorsese seinem Platz in Hollywoods Königsklasse mehr als gerecht.
Info: In den Kinos Beluga und Rex 1, Biel.
Roger Duft
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