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Filmkritik

Hitchcock

Früher oder später landen bedeutsame Werke der Filmgeschichte selber in einem Film. Nun sind Regisseur Alfred Hitchcock und sein Klassiker «Psycho» an der Reihe, auf Zelluloid verewigt zu werden.

Pflegte das Image seiner Person sehr sorgfältig: Alfred Hitchcock (Anthony Hopkins) in geläufiger Pose mit einem gefiederten Freund.

Duschen war nachher nie mehr dasselbe. Mit genüsslicher Kunstfertigkeit hat uns Hitchcock diese behagliche Form der Körperpflege nachhaltig verdrossen. Die kurze Szene, in der die Hauptdarstellerin in der Dusche erstochen wird, ist in das kollektive Bildgedächtnis eingegangen, nicht zuletzt der eindringlichen Musik wegen. Nach Thrillern wie «Vertigo» (1958) und «North by Northwest» (1959) fühlte sich Regisseur Alfred Hitchcock seines eigenen Erfolges überdrüssig. Er wünschte sich den Pioniergeist seiner Anfänge zurück und machte sich auf die Suche nach einem aufrüttelnden Stoff. Diesen fand er im Roman «Psycho», der Geschichte über einen geistesgestörten Motelbesitzer, inspiriert von einem realen Serienmörder. Das Thema war den Studiobossen bei Paramount aber zu gewagt, worauf sich Hitchcock kurzerhand entschloss, den Film selber zu finanzieren. Trotz schwieriger Produktionsbedingungen und anfänglicher Kritikerschelte entstand dabei sein Meisterstück, dessen Entstehungsgeschichte in «Hitchcock» detailliert nachgezeichnet wird.
Eine Filmbiographie über Werk, Wirken und Wirkung von Alfred Hitchcock ist ein anspruchsvolles Unterfangen, geht es doch nicht nur um das Porträt einer Kino-Persönlichkeit, sondern um den «Master of Suspense» selber, den Mann, der die Inszenierung von anspruchsvollem Spannungskino geprägt hat. Seine akribisch geplanten Montagen und die reduzierte Bildsprache, verknüpft mit psychologischem Geschick, wurden oft kopiert, seine Liga indes selten erreicht. Die Erwartungshaltung ist deshalb entsprechend hoch, wird aber nur teilweise befriedigt. Nostalgiker werden beim Blick hinter die Kulissen des alten Hollywoods mit einer farbenprächtigen Retrowelt bedient. Lust und Laster von «Hitch», wie er sich zu nennen pflegte, werden ausgebreitet: Wir beobachten einen alten Voyeur, der seiner verklemmten Obsession für bevorzugt blonde Hauptdarstellerinnen wie Janet Leigh (Scarlett Johansson) und Vera Miles (Jessica Biel ) nachgeht. Ein weiterer Affront für seine Ehefrau Alma Reville (Helen Mirren): Zeitlebens hatte sie ihn nach Kräften unterstützt, dafür aber kaum Anerkennung geerntet.  Anthony Hopkins gibt sich redlich Mühe, mit angeklebtem Doppelkinn und umgeschnallten Fettpolstern die korpulente Erscheinung von Alfred Hitchcock zu verkörpern. Dies gelingt ihm überzeugend, wenn er die aus öffentlichen Auftritten bekannten süffisant-makaberen Sprüche zum Besten gibt, oder sich als grosser Manipulator am Filmset in Szene setzt. Weniger gelungen sind Momente, in denen versucht wird, Hitchcocks düstere Seiten zu zeigen. Da bleibt nur das schale Gefühl, die schlechte Karikatur eines adipösen Hannibal Lector aus «The Silence of The Lambs» vor sich zu haben. Die Figur Hitchcock bleibt trotz grosser Bemühungen enttäuschend unnahbar, die psychologische Zeichnung laviert zwischen platten Erklärungsmustern und bizarren Traumsequenzen, welche die Abgründe, an denen es dem Meister durchaus nicht mangelte, kaum zu erhellen vermögen. Im Sinne eines «Making-Of» erfährt man im Biopic «Hitchcock» viele informative Details, aber ohne viel Suspense. Für einen direkteren Zugang zum Meister und seinem komplizierten Gemüt empfiehlt sich alleweil das Studium seiner Filme. Ein oder zwei Tage ohne Duschen sind auszuhalten.

Info: Im Kino Beluga, Biel. Nur 17.45 Uhr.

Sven Weber

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