
Die Amerikaner mögen keine Untertitel, und auf synchronisierte Fassungen haben sie auch keine Lust. Zudem wollen sie Weltstars auf der Leinwand sehen, und keine für sie meist unbekannten Mimen aus dem Ausland.
Unter diesen Voraussetzungen haben importierte Werke in den US-Kinos kaum eine Chance. So kommt es, dass nicht-englischsprachige Filme oft einfach nochmal neu gedreht werden, in Englisch und mit vielen Stars, damit auch die Amerikaner die Kassen der Produzenten nochmals klingeln lassen. Dass das neue Produkt anschliessend im Rest der Welt dank der grossen Namen ein weiteres Mal lanciert werden kann, ist eine angenehme Zugabe.
Kein Wunder also, dass der erste Roman («Verblendung») aus der «Millennium»-Trilogie des 2004 verstorbenen schwedischen Autors Stieg Larsson nach der Verfilmung im eigenen Land (die die Hauptdarstellerin Noomi Rapace zum Weltstar machte), nun ebenfalls eine amerikanische Frischzellenkur erhält. Und während die einen die Idee aufgrund der hohen Qualität des Originals als Humbug abtaten, fanden andere Gefallen, etwa an der Tatsache, dass die Regie an David Fincher ging. Der Mann hat sich mit Filmen wie «Seven», «Fight Club» oder zuletzt dem mehrfach Oscar-gekrönten «The Social Network» in die oberste Liga der Hollywood-Filmemacher gespielt. Als zudem bekannt wurde, dass die männliche Hauptrolle vom amtierenden James Bond Daniel Craig verkörpert wird, hatte das Projekt weitere Befürworter.
Das fertige Produkt kann von Puristen zwar immer noch als «sinnloses Remake» betitelt werden. Schliesslich erzählt Fincher natürlich dieselbe Geschichte vom in Ungnade gefallenen Journalisten Mikael Blomkvist, der im Auftrag eines reichen Patriarchen dessen Nichte aufspüren soll, die vor 40 Jahren spurlos verschwand. Und auch hier erhält Blomkvist selbstverständlich wieder Hilfe von der gepiercten und üppig tätowierten Hackerin Lisbeth Salander. Aber damit würde man es sich doch etwas gar einfach machen.
Die Neuverfilmung hat nämlich durchaus eine Daseinsberechtigung. Diese verschafft sie sich vor allem durch eine hervorragende visuelle Umsetzung. Fincher versteht es, dem Film trotz der Härte der Geschichte einen sehr edlen, eigenen Look zu verpassen. Das Original von Niels Arden Oplev erreichte trotz der überaus spannenden Story diese kompakte Dichte nur in einzelnen Momenten. Ein kunstvoller Vorspann – ganz im Stile der James-Bond-Filme – legt zudem bereits zu Beginn Zeugnis ab von Finchers visueller Wucht. Die 26-jährige Rooney Mara spielt die Rolle der Lisbeth Salander vielleicht nicht ganz so intensiv wie ihre Vorgängerin Noomi Rapace. Ihre Interpretation der Figur passt aber perfekt in den neuen Film. Sie hat ausserdem den Vorteil, aufgrund ihres jüngeren Alters (sie ist 26 Jahre alt, Rapace 32) näher an der Buchfigur zu liegen.
Fincher serviert uns in seinem Remake zwar zwingend dieselbe Geschichte, lässt sie aber am Ende anders ausgehen. Während das schwedische Original recht offen endet, gibt es auch in der US-Version genügend Raum für eine Fortsetzung, der Schluss schliesst das Werk aber dennoch etwas stärker in sich ab, ohne dabei an Qualität einzubüssen. Die krude, oft sexuell orientierte Gewalt des Originals wurde etwas entschärft, um sich keinen Ärger mit der amerikanischen Zensur einzufangen. Einzelne Momente dürften aber sensible Zuschauern auch hier an die Grenzen des Erträglichen bringen. Für solche Momente ist Fincher ja hinlänglich bekannt (z. B. in «Seven»). Problematisch wird es allerdings, wenn schwedische Schauspieler Englisch sprechen müssen und dabei schwedische Ausdrücke in ihre Dialoge einfliessen. Da fällt die Fremdartigkeit des Englischen in der nordländischen Umgebung etwas gar stark auf. David Finchers neuer Anlauf mit dem «Millennium» ist aber sehr gut gelungen. Der ganz grosse Kinoerfolg in Amerika blieb trotzdem aus – auch ohne Untertitel.
Info: In den Kinos Apollo und Lido 2, Biel.
Roger Duft
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