Zu Radiostationen umgebaute Schiffe sendeten ausserhalb der britischen Hoheitsgewässer 24 Stunden populäre Musik und Nachrichten – und erreichten damit zeitweise die halbe Bevölkerung Britanniens.
Der britische Regisseur und Drehbuchautor Richard Curtis hat nun seine eigenen Jugenderinnerungen an diese Zeit angezapft. Mit «The Boat that Rocked» liefert er eine Hommage an die heldenhaft dargestellten Radiopiraten und liebenswerten Freaks aus einer Zeit, als politischer Widerstand noch mit der Frisur oder dem persönlichen Musikgeschmack ausgedrückt werden konnte – oder musste.
Dennoch dienten Curtis verschiedene Ereignisse um die realen Piratensender «Radio Caroline» oder «Wonderful Radio London» nur als Inspiration. Seine erste Filmkomödie nach «Four Weddings and a Funeral» oder «Love Actually» ohne romantischen Unterbau soll in erster Linie unterhalten und erhebt keinerlei dokumentarischen Anspruch.
So bietet das rockende Boot vor allem eine filmische Plattform für Referenzen an die durchgeknalltesten DJs ihrer Zeit, gute Musik und die bunte Bühne für eine Reihe feiner Schauspieler, die sich mal wieder so richtig austoben können. Um die Gunst des Publikums im Kino wie auf Sendung buhlen Philip Seymour Hoffman, Bill Nighy, Rhys Ifans oder Nick Frost.
Als Rahmenhandlung dient die Geschichte von Carl (Tom Sturridge), der von der Schule geflogen ist und bei seinem Patenonkel und Kapitän des Schiffes wieder zu Sinnen kommen soll. Was er allerdings findet:Drogen, Sex und Rock n´Roll. Dies sind für die Radiomacher mehr als Schlagworte, auch wenn die Umsetzung gerne an den alltäglichen Widrigkeiten des Lebens scheitern.
Die Widersacher der lustigen Schiffsbesatzung sitzen in der Regierung und planen Übles. Dem für Radiosender zuständige Postminister sind «frei denkende Menschen» ein Greuel, sein eigenes Spiessertum äussert sich dabei in einer grotesken Lustfeindlichkeit - brillant verkörpert von Kenneth Branagh. Des Ministers einzige Freude besteht in der Unterdrückung der Leidenschaft mit Gestapo-Methoden.
Der Rest des Films ist ein im Ansatz turbulentes Ping-Pong zwischen Radio und Regierung, wobei die blutleeren Beamten oftmals die besseren Lacher auf ihrer Seite haben. Das mag auch daran liegen, dass sich auf dem engen Schiff zu viele starke Charaktere um zu wenig Handlung streiten, und der Film teilweise zu langatmig daherkommt.
Zudem ist «The Boat that Rocked» überfrachtet mit sexuellen Referenzen und der britische Humor schwankt wie ein Schiff im Sturm zwischen sauglatt und saugut. Dennoch funktioniert der Film. Eine solide Musikauswahl, die Spielfreude der Darsteller und das zeitlose Thema der vibrierenden Lebensfreude, die sich ein Ventil sucht, machen aus «The Boat that Rocked» genau das, was der Film sein will: gute Unterhaltung.
Info: Im Kino Lido 1, Biel
Sonja Wenger
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