
Das Leben hat durchaus Sinn für Ironie. Da sitzen zwei an der U-Bahn-Haltestelle, sind dick verpackt, schotten sich ab – gegen den Unbill der Welt, die Anmassungen, die gestellten Ansprüche. Und riesig neben ihnen hängt ein Plakat, das mit einer Bikinischönheit für entspannende Tauchferien an der Wärme wirbt.
Der 19-jährige Roman (durchwegs überzeugend: der Laiendarsteller Thomas Schubert) sitzt in einer Jugendstrafanstalt. Er hat «einen totgemacht», wie das jeweils technokratisch unter Eingeweihten heisst. Der Junge verhält sich bockig. Er ist ein Einzelgänger, verschlossen und wenig redselig. Er läuft weg oder kehrt zu spät vom Freigang zurück. Wenn jemand mit ihm redet, dreht er den Kopf weg. Ständig handelt er sich Schwierigkeiten mit den Aufsehern und Bewährungshelfern ein.
Einzig beim Schwimmen und Tauchen verspürt er für Momente so etwas wie das Gefühl von Frieden und Freiheit. Er, der praktisch sein ganzes Leben in Heimen oder dem Gefängnis verbracht hat, lernte rasch, dass die eigenen Bedürfnisse in einer kleinen Ecke Platz haben müssen. Um eine vorzeitige Entlassung zu begünstigen, sucht sich Roman dennoch eine Stelle und landet beim städtischen Bestattungsamt. Dort arbeiten knorrige, verschrobene Leute. Die Aufgabe ist simpel, wie ihm sein Vorgesetzter gleich zu Beginn erklärt: «Die richtige Leiche im richtigen Sarg zur richtigen Zeit am richtigen Ort». So geht das, wenn man als Dienstleister mit dem Tod umgehen muss. Technik und Zurückhaltung sind alles, Emotionen zu zeigen ist nicht erwünscht. Das passt ganz gut zu Roman. Und so kommt er durch die Tage, auch wenn Unterstützung von seinen neuen Arbeitskollegen keine zu erwarten ist. Er gewöhnt sich an die rauen Sitten, den Anblick der toten Menschen, den Geruch der Verwesung. Ausserdem haben die nicht mehr Lebenden einen entscheidenden Vorteil: Sie lassen ihn in Ruhe. Eine der Toten lässt ihn aber kaum noch atmen. Eines Tages wird sie aus einer Kühlbox gezogen, mit einer wulstigen Narbe über dem ganzen Körper. Ist diese Frau seine Mutter, die ihn geboren und bald darauf weggegeben hat? Es spricht einiges dafür: Der Name, das Alter. Erstmals in seinem Leben entwickelt Roman Eigeninitiative – und findet mehr, als er gesucht hat.
Karl Markovics, bisher als Schauspieler bekannt («Die Fälscher», «Komm süsser Tod»), hat in seinem Regiedebüt, das am letzten Filmfestival in Zürich gleich mit einem der Hauptpreise ausgezeichnet wurde, vieles richtig gemacht. «Atmen» ist ein gerade in seiner Beiläufigkeit hochkonzentrierter Film. Schuld und Sühne, Perspektivenlosigkeit und Zukunftsangst, Einsamkeit und Entfremdung - es sind nicht eben leichte Themen, denen sich der Film widmet. Trotzdem gelingt es Markovics mit eigenwilligem Humor und Gespür für Situationskomik (eigentlich ist es vielmehr eine mit Lakonie entschärfte Situationstragik), Romans Weg zurück ins Leben eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen. In den sorgfältig komponierten Bildern, die trotz Formenstrenge wie abgefilmte Realität wirken, taucht das titelgebende «Atmen» in unterschiedlichen Ausprägungen immer wieder auf – manchmal vielleicht etwas gar forciert (zum Beispiel bei den Szenen im Schwimmbad).
Gesprochen wird während des ganzen Films nicht viel, erzählt aber umso mehr. Das Leben hat durchaus Sinn für Ironie. Es fühlt sich aus unserer Sicht aber oft auch willkürlich, zufällig, ungerecht an. Doch manchmal, ja manchmal, lässt es uns Zeit. Zeit zum Atmen.
Info: Im Kino Rex 2, Biel. Nur um 18 Uhr.
Raphael Amstutz
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