
Gesprochene Worte, Farbe, Breitbildformat oder 3D – alle diese Errungenschaften des Kinos seit 1927 fehlen in «The Artist», doch man vermisst sie während 100 Filmminuten überhaupt nicht. Dass dies in der heutigen mit audiovisuellen Reizen überfluteten Welt noch funktioniert, ist wohl das, was Filmkritiker auf der ganzen Welt begeistert. Es zeigt, dass ein Spielfilm im wesentlichen eine Erzählung in bewegten Bildern ist. Und plötzlich begreift man jene, die beim Aufkommen des Tonfilms meinten, damit werde eine Kunstform zerstört. So denkt auch die Hauptfigur in «The Artist».
Der Stummfilm-Star George Valentin (Jean Dujardin) befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, geniesst seine Popularität und seinen Reichtum. Doch als er sich dem neuen Medium Tonfilm verweigert – wegen seines starken französischen Akzents, wie am Schluss angedeutet wird – beginnt sein Abstieg zum mittellosen Nobody. Gut, dass wenigstens sein weiblicher Fan Peppy Miller (Bérénice Bejo) als Schutzengel im Hintergrund über ihm wacht. Von einer Begegnung mit Valentin inspiriert, startet die junge Frau eine Karriere als Schauspielerin und steigt zu einem Star des modernen Tonfilms auf. Dujardin, mit Clark-Gable-Schnäuzchen, verkörpert völlig glaubhaft den Typ des männlichen Stummfilmstars – der Preis für den besten Schauspieler an den Filmfestspielen von Cannes und der Golden Globe Award sind verdient. Etwas weniger perfekt entspricht Bérénice Bejo, die Lebensgefährtin des Regisseurs, dem Bild einer Stummfilm-Diva. Sie gefällt dafür durch ihren unbeschwerten Charme und mit ihrem hübschen Gesicht. Als ob der Glamour von Hollywood Ende der 1920er-Jahre nicht schon genügend attraktiv wäre, gibt es im Film noch einen tierischen Star: Der dressierte Hund Jack begleitet sein Herrchen nicht nur bei dessen Filmabenteuern, sondern auch im Privatleben. Aussehen tut er eher wie Struppi, aber agieren wie Lassie, der intelligente TV-Serien-Star. Stummfilme hat Michel Hazanavicius schon als Kind mit seinem Grossvater gesehen. In einer Hommage wollte er die Emotionen, die ihn beim Anschauen klassischer Melodramen ergriffen hat, für das heutige Publikum spürbar machen. «The Artist» ist von allem ein wenig: Melodrama, Romanze, Komödie, Tierfilm, Tanzfilm. Diese Mischung serviert der französische Drehbuchautor und Regisseur mit einem ironischen Augenzwinkern, das sowohl Bewunderung als auch Amüsement signalisiert. Dabei nimmt Hazanavicius ein durchaus ernstes Thema auf: Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm war für viele Filmkünstler schwierig, zum Beispiel für Schauspieler, die einen starken ausländischen Akzent hatten. Punkto Technik hat sich Hazanavicius ebenfalls an der Stummfilmzeit orientiert: Die 22 schwarz-weissen Bilder pro Sekunde laufen etwas zu schnell, die wichtigen Dialoge sind als Zwischentitel eingeschoben. Die Beschränkung auf das Format 4:3 wird wegen der besonderen Projektionsverhältnisse im Kino Lido nicht spürbar. Musikalische Begleitung durch einen Pianisten oder ein Orchester braucht es nicht: Die Tonspur ist mit passender Originalmusik belegt.
«The Artist» ist kein Meisterwerk, aber ein intelligenter Unterhaltungsfilm, der mit einer erfrischenden Mischung aus Naivität und ironischer Distanz die Herzen der Zuschauer (und der Academy-Mitglieder) gewinnt. Die zehn Oscar-Nominierungen sprechen für sich.
Info: In den Kinos Lido 1 und 2, Biel.
Stefan Rohrbach
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