Vom Mittel zum Zweck und vom Zweck zu den Mitteln

Richtig Bauchweh macht uns gegenwärtig das Bankgeheimnis und der Ansturm Deutschlands dagegen, Bild: Keystone
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Er: zwischen 80 und scheintot. Sie: zwischen 18 und 25, Inbegriff blühender Jugend. Beide: ein frisch vermähltes Paar. Schon oft sind solche Bilder durch die Medienwelt gegangen. Deswegen, weil der Bräutigam prominent ist: reich oder mächtig oder beides zusammen, aber Geld bevorzugt. Treuherzig klingt dann die Versicherung der beiden, sie hätten aus reiner Liebe geheiratet. Das mag im einen oder andern Fall durchaus so sein. Die meisten dieser frischgebackenen Ehemänner (das Wort «frischgebacken» bereitet in diesem Zusammenhang allerdings etwas Mühe) sind wohl sogar ehrlich davon überzeugt. Aber das breite Publikum hat einen schwerwiegenden Verdacht: Dass angesichts des absehbaren Lebensendes des einen Teils die Heirat für den andern nur Mittel zum Zweck gewesen sei. Geschlossen worden sei in der Absicht, dereinst erben zu können. Klar ist: Jede Ehe braucht Mittel – zum Zweck, keine Not leiden zu müssen.
In korrumpierten Gesellschaften werden von einzelnen, wenn sie im Gegenüber eine Schwäche spüren, Geldmittel zum Zweck eingesetzt, sich einen lukrativen Auftrag unter den Nagel zu reissen oder jemanden auszustechen. Im besten Fall ist es dann in einem demokratischen Rechtsstaat Justitia, welche Bestechung ahndet und eine ihrer Waagschalen senkt; die Summen, die verschoben wurden, belasten da gewaltig eines der beiden Gewichte der Gerechtigkeit zu Ungunsten von einem, für den Geld Mittel zum Zweck war.
Auch die Boni sind als Zahlung Mittel zum Zweck, bezwecken, als Zahlungsmittel Banker bei der Stange zu halten. Jedenfalls, wenn man den CEOs und Verwaltungsratspräsidenten glauben soll. Ein beliebtes Argument für den UBS-Präsidenten Kaspar Villiger. «Sonst wandern die ab zur Konkurrenz», jammert er regelmässig. Ja, und da drängt sich einem als kleines Würstchen die Frage an Villiger auf, ob denn ein Banker nicht auch mal in einer Stellung bleiben könnte aus Freude an der zu leistenden – und ohnehin sehr gut bezahlten – Arbeit. Auch wenn anderswo die Lohntüte noch dicker wäre. Eine naive, dumme Frage, ich weiss. Würde sie ihnen gestellt, die Banker würden sich die Bäuche halten vor Lachen.
Richtig Bauchweh macht uns aber gegenwärtig das Bankgeheimnis und der Ansturm Deutschlands dagegen. Darf unser Nachbar einen Datenklau auf einer CD kaufen, um Aufschluss zu erhalten über Gelder seiner Bürger, die in der Schweiz lagern? Und da ist denn eine andere Redewendung in Deutschland und in der Schweiz in aller Leute Munde. «Der Zweck heiligt die Mittel», argumentieren die Befürworter. Die Gegner finden, der Zweck dürfe nicht die Mittel heiligen, heisse dies doch, dass zur Erreichung eines guten Zieles auch unmoralische Möglichkeiten erlaubt seien, wie im vorliegenden Fall Hehlerei.
Das Sprichwort ist nicht grundsätzlich abzulehnen. Der Zweck kann manchmal die Mittel heiligen, wenn wir beispielsweise an den Tyrannenmord denken – mit der Aussicht, die Ausschaltung eines Diktators werde sein Unrechtsregime zum Einsturz bringen und x Menschenleben retten. Aber das sind Grenzfälle, und es geht bei dieser Aussage nicht nur um sie, sondern auch um Grauzonen, wo die geheiligten Mittel zum Zweck ein neues Unrecht zu schaffen in der Lage sind, wo sie die Rechtsordnung aushöhlen. Der «Duden» weist denn auch darauf hin, dass das Prinzip in der «Moraltheologie» des Jesuitenpaters Busenbaum von 1652 mit deutlichen Einschränkungen versehen worden ist.
Es geht beim Kauf der DatenCD nicht um Leben und Tod. Ob aber unterhalb dieser Stufe auf der Ebene von Moral und Ethik nicht dennoch ein Präzedenzfall geschaffen wird? Uns ziemt es aber nicht, Zeter und Mordio zu schreien. Das Bankgeheimnis erscheint selber als Relikt einer Zeit, in welcher der Zweck ebenfalls die Mittel heiligte: Geld zu scheffeln noch und noch mit ausländischen Kunden, allfällige Steuersünder inklusive. Wer im schweizerischen Glashaus sitzt, sollte heute nicht allzu laut die Furcht vor dem gläsernen Bankkunden kundtun. Sonst entsteht der Eindruck, der diene gewissen Kreisen nur als Mittel zum Zweck, damit der Zweck weiterhin die Mittel heiligen könne.
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