Dossier: BT-Touren

Aus dem BT vom 20. Mai 2006 PDF der Zeitungsseite
Abenteuer mitten in der Zivilisation

Eine Flusstour im Schlauchkanadier bedeutet Sport und Meditation zugleich. Und ist dank neuer Perspektiven eine exotische Expedition, die praktisch vor der Haustür beginnt - beispielsweise im Aargau, auf der Reuss.
Lotti Teuscher

Pralle Pfirsiche und Avocados locken in den Auslagen des kleinen Lebensmittelladens. Der Platz davor ist mit Kopfsteinpflaster besetzt und umgeben von bunt verputzten historischen Häusern. Die 35-jährige Arbeitsagogin Sandra aus Winterthur sitzt auf dem Rand des Dorfbrunnens und trinkt mit grossen Schlücken ihre Wasserflasche leer; die Hitze hat Durst gemacht. Dann erklärt sie: «Das ist wie Ferien im Ausland.»
In diesem Moment räumt die Gemüsehändlerin die Regale vor dem Laden leer und die kleine Gruppe am Brunnen landet in der Wirklichkeit: Nein, niemand hat Ferien, es ist Samstag, 16 Uhr, das Geschäft schliesst wie überall in der Schweiz und am Sonntagabend werden alle wieder zu Hause sein. Nein, wir befinden uns nicht in einem französischen Städtchen; wir sind mitten im Aargau, in Bremgarten gelandet.

Die Flusstour im Schlauchkanadier lässt die Teilnehmer im Turbotempo abschalten. Die Alltagshektik verschwindet bereits nach der ersten Kurve auf der mäandernden Reuss.
Krumme Touren
Wenige Stunden zuvor ist die 13-köpfige Gruppe in Mühlau gestartet. Die Zweierteams haben ihre Kanus aufgepumpt, das Gepäck in einen wasserdichten Sack gepackt, Paddel und Schwimmweste gefasst und den Anweisungen von Tourenguide Dominik Schläpfer zugehört.
Dann sind die Teams eins nach dem anderen in ihre Boote gestiegen und losgepaddelt. Anfangs auf krummen Touren, doch bereits nach wenigen Kilometern stellt sich ein Gefühl für das Boot ein. Es ist, wie Dominique Schläpfer vorausgesagt hat: Ähnlich wie beim Velofahren werden die verschiedenen Paddelschläge automatisiert.
Meditative Bewegung
Der rasch strömende Fluss ist wie ein Förderband, das die Boote mit sich trägt. Doch passiv treiben lässt sich keiner, was dem 31-jährigen SBB-Mitarbeiter René aus Horgen besonders gefällt: «Es macht Spass, aktiv zu sein.»

Paddel ins Wasser stechen, nach hinten ziehen, nach vorne schwingen und wieder einstechen. Eine Bewegung, tausendfach wiederholt, die etwas Meditatives hat. Die Gedanken beginnen zu schweifen und müssen immer wieder in die Realität zurückgezwungen werden: Mit Zurufen und Handbewegungen macht Dominique Schläpfer auf Brücken aufmerksam, deren Pfeiler grossräumig umfahren werden. Ein einfaches Manöver in den wendigen Schlauchkanadiern, wenn es rechtzeitig ausgeführt wird. Grobe Fehler würde die Reuss allerdings nicht verzeihen: Ein Kanu, das gegen einen Pfeiler knallt, würde durch die Kraft des Wassers mit anderthalb Tonnen dagegen gedrückt und kentern.
Aus Individuen wird ein Team
Nach und nach fliesst die Reuss träger und wird breiter, der Flachsee bei Rottenschwil ist erreicht. Ein Naturschutzgebiet, gesäumt von Schilf, Riedflächen und einem Erlenbruchwald, in dem zahlreiche Wasservögel heimisch sind: Zwerg- und Haubentaucher brüten hier; das Reservat bietet Tafelenten, Kiebitzen und Rohrammern Unterschlupf.
Und hungrigen Paddlern. Eine Viertelstunde lang ist kein Wort zu hören, denn die Gruppe beschäftigt sich ausschliesslich mit dem Picknick. Danach wird nach Lust und Laune die Flusslandschaft erkundet, in der Sonne gedöst, geplaudert und gescherzt.
13 Individuen, die sich am Morgen fremd waren, lernen sich kennen und werden zu einem einzigen Team. Denn die Kanadier müssen immer wieder ein- und ausgewassert werden; sei es, um am Ufer Pause zu machen oder ein Stauwehr wie jenes in Bremgarten zu umgehen. Um die Boote aus dem Wasser zu holen oder auf die Kanuwagen zu heben, ist die Muskelkraft der ganzen Gruppe gefragt.
Nach Bremgarten säumt eine grüne Wand aus Laubbäumen die Reuss: Sie schirmt den längsten nicht begradigten und verbauten Flussabschnitt des Mittellandes von der Umgebung ab. «Man ist den ganzen Tag im Grünen und erlebt mitten in der Zivilisation ein Abenteuer», schwärmt Sepp, der 52-jährige Swisscom-Techniker aus Efretikon.

Für das Nachtessen hat Dominik Schläpfer einen Tisch in einem Restaurant in Sulz reserviert. Doch die Gruppe rebelliert: Es ist zwar empfindlich kühl an diesem Frühlingsabend, aber nach vielen Stunden im Freien will jetzt keiner in den Gasthof hinein. Lieber isst man, in Jacken und Decken gehüllt, auf der Terrasse. Auch das Frühstück breitet Dominik Schläpfer unter freiem Himmel auf einer Wiese zu. Nach einer etwas unruhigen Nacht im Massenlager wecken kühle Luft und Kaffee die Lebensgeister.
Den nächsten Flussabschnitt, jetzt sportlich-spritzig, sagt dem 46-jährigen Lysser Elektroingenieur Peter am meisten zu: «Dieser Abschnitt ist besonders interessant und der schönste Teil der Strecke.»
Im Gnadental zwischen Sulz und Turgi windet sich der Fluss durch eine Endmoräne aus der Eiszeit. Findlinge aus den Alpen, vom Wasser rund geschliffene «Bollensteine», liegen im Flussbett. Das Wasser rauscht weiss und schäumend über diese Hindernisse hinweg. Der Fluss rüttelt an den Schlauchkanadiern, doch diese erweisen sich als stabil. Souverän nehmen sie auch höheren Wellen und passen sich geschmeidig den Bewegungen des Wassers an.
Walze hinter Bollensteinen
Einzig grosse Bollensteine müssen umpaddelt werden, dies hat Dominik Schläpfer der Gruppe eindringlich eingeschärft. Denn wer hier kentert, den erwartet ein ungemütlicher Waschgang: Eine Wasserwalze, die Schiffbrüchige so lange in die Mangel nimmt, bis sie von den Guides befreit werden. Dank Schläpfers Anweisungen werden die Bollensteine von allen Kanus elegant umschifft.
Es ist wohl dieser stete Wechsel zwischen Konzentration und Träumen sowie das Getragen-werden vom Wasser, verbunden mit Aktivität, das so rasch Ferienstimmung aufkommen lässt.
Wie kurz diese Ferien indessen sind, wird der Gruppe bei der Einmündung von Reuss und Limmat in die Aare bewusst, dem Wasserschloss der Schweiz bei Turgi: Hier fliessen gigantische Mengen Wasser zusammen, der Fluss ist plötzlich breit wie ein See. Ein grandiosen Anblick, der aber auch des Ende der zweitätägigen Flusstour bedeutet.
Ein letztes Mal auswassern, dann steht die Gruppe unschlüssig an Land herum. Niemand hat Lust, jetzt abzubrechen, und deshalb nimmt man sich vor: Ich komme wieder!

Tipps zur Tour
Trango bietet Flusstouren in der Schweiz (Aare, Reuss, Doubs, Thur, Rhein, Bodensee) sowie in Polen und Lappland an. Auf Schweizer Flüssen können ein- und mehrtätige Touren an festen Daten oder ab 8 Personen an individuellen Daten gebucht werden. Anmelden können sich Einzelpersonen und Gruppen. Trango organisiert Flusstouren für Firmen und Schulklassen. Wenn sich nicht alle Teilnehmer auf dem Wasser wohl fühlen, können die Flussfahrten mit einer Wanderung oder einer Velotour kombiniert werden.
Anforderung: Schwimmkentnisse sind Bedingung.
Kondition: Wer sich eine Tageswanderung zutraut, wird während einer Flusstour nicht überfordert sein. (LT)
Info: Im Internet unter www.trango.ch Telefon: 071 244 45 23




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