BT-Freizeittipp: Juraparc in Vallorbe
Wolf und Bär sagen sich gute Nacht
Im Juraparc Mt. d' Orzeiers in Vallorbe leben Wölfe, Bären und Bisons. Besucher gehen auf Safari, denn die Tiere müssen entdeckt werden.
Lotti Teuscher
Einzig die pechschwarzen Kolkraben reagieren auf die leisen Trittge auf dem Holzsteg oberhalb der Weide. Krächzend fliegen sie auf, ihre Flügelschläge erzeugen ein flappendes, leicht fauchendes Geräusch. Die Bisons hingegen fressen weiter. Ihr zottiges Winterfell schützt die urweltlichen Giganten vor der beissenden Kälte; ensprechend träge, fast in Zeitlupe, bewegen sie ihre massigen Körper. Ein mächtiger Bulle taucht wie aus dem Nichts aus dem dicken Nebel zwischen den mit Raureif bedeckten Tannen auf. Eine Szenerie fast wie aus einem Stummfilm der 20er Jahre: Der Nebel dämpft nicht nur sämtliche Geräusche, sondern auch die Farben von Bäumen, Bisons und Boden.
1972 hatte André Blanc die Alphütte zwischen Vallorbe und dem Vallée de Joux erworben und zu einem Restaurant umgebaut. 1987 wurden amerikanische Bisons gekauft; Sohn Olivier Blanc war der Erste in der Schweiz, der die Zucht der Wildrinder wagte. Auf einer Fläche von sechs Hektaren weiden heute rund 20 Bullen, Kühe und Kälber.
Durch die Gehege führt ein 400 Meter langer Holzsteg: Aus drei Metern Höhe können die Besucher die Wildtiere aus nächster Nähe in einer natürlichen Umgebung beobachten. Olivier Blanc verständigt sich flüsternd, denn ganz besonders die Wölfe sind sehr scheu; fühlen sie sich gestört, verstecken sie sich hinter Tannen und Felsen.
Georg dagegen ist unübersehbar: Er hat sich zu seiner vollen Höhe von 2,50 Metern aufgerichtet und bettelt um Äpfel. Ein imposantes und scheinbar niedliches Tier mit plüschigem Pelz und schwarzen Knopfaugen. Das Bärengehege würde Olivier Blanc indes niemals betreten; Bären sind unberechenbar und nichts an ihrer Mimik kündigt einen Angriff an. Doch auf Distanz scheinen sich Bär und Besitzer mehr als nur ein wenig zu mögen: «Hey, bonjour Georg», ruft Olivier Blanc, strahlt übers ganze Gesicht und wirft Äpfel ins grosse Gehege. Georg klaubt die Früchte auf und trottet neben dem Steg her, auf dem der Waadtländer weitergeht.
Noch vor zwei Monaten war Georg ein mageres Tier, das verschüchtert im neuen Gehege kauerte: In seinem früheren Zuhause im Zagreber Zoo lebte der europäische Braunbär in einem kleinen Betonkäfig und musste mit spärlicher Kost auskommen. Einen Winterschlaf hatte er mangels Ruhe und Reserven nie gemacht und wird vermutlich auch dieses Jahr keinen machen: Obwohl er inzwischen etwa 60 Kilo zugelegt hat, wirkt Georg noch immer putzmunter.
Ursina dagegen im Gehege nebenan ist schläfrig. Für die Äpfel interessieren sich nur Wadi und Wendy, ihre beiden im vergangenen Februar geborenen Jungen. Die Bärenfamilie hatte zuvor in einem grossen Gehege im Tierpark Langenberg gelebt, wo die Tiere wie in Vallorbe artgerecht gehalten wurden. Mutter und Jungtiere haben ein Revier für sich ganz alleine: Bären sind Einzelgänger; Georg würde die Jungtiere töten, damit Ursina paarungsbereit wird.
1989 hatte Olivier Blanc die Idee, neben Bisons auch Bären zu halten. Ein erstes, noch unausgegorenes Projekt scheiterte 1990. Doch Blanc träumte weiter vom eigenen Petz; ab 1995 begann er, ein neues Projekt auszuarbeiten. Hilfe erhielt er vom Zoologen Klaus Robin: Der Uznacher hatte als Direktor des Tierparks Dählhölzli und des Nationalparks grosse Erfahrungen gesammelt. Zudem wurden Umweltingenieure des Lausanner Büros Ecosan beigezogen und als Vertreter der Gemeinde Vallorbe der Forstingenieur Jean Combe. Auch Pro Natura und ganz besonders der WWF unterstützten Olivier Blancs Vorhaben. Doch ausgerechnet der Waadtländer Tierschutzverein erhob Einsprache, was die Realisierung um ein Jahr verzögerte.
Olivier Blanc hatte jedoch einen langen Atem. Als alle Bewilligungen auf dem Tisch lagen, begann er, das Bärengehege zu bauen: ein anspruchsvolles Unterfangen, denn Abschrankungen und Steg müssen äusserst strengen Sicherheitsstandards entsprechen.
Georg wartet noch immer hoch aufgerichtet auf Olivier Blanc. Zwischen den Tannen hinter dem Bären ist flüchtig ein grauer Schemen zu sehen. Ein Nebelfetzen? Wieder flitzt sekundenschnell ein Wesen von Versteck zu Versteck - die Wölfe sind da! Ein erster trabt zwischen den Tannen hervor, ein zweiter, ein dritter. Schliesslich wagen sich alle fünf europäischen Wölfe in sicherer Distanz zu Besuchern und Bär aus ihren Verstecken hervor, umkreisen einander, verschwinden und tauchen wieder auf. Immer im leichtfüssigen, raumgreifenden, energiesparenden Trab, der Wölfe von Hunden unterscheidet und vermuten lässt, wie mühelos Isegrim grosse Distanzen zurücklegen kann.
Es war Zoologe Klaus Robin, der Olivier Blanc vorschlug, Wölfe gemeinsam mit Bären zu halten. Die Familie zog im November 2001 ins Gehege ein; das Heulen der Wölfe ist für Blanc noch heute ein besonderes Erlebnis: «Genial, wunderbar, unerhört.» Mit Adjektiven lässt sich allerdings kaum beschreiben, was die klaren, weit tragenden und melancholischen Klänge auslösen: Es ist eine uralte, im Instinkt verwurzelte Ahnung, die geweckt wird. Das Heulen löst unweigerlich einen Schauer aus und spaltet die Menschen in zwei Lager: Die einen spüren intensive Sehnsucht nach dem Raubtier, die anderen Furcht und Hass.
Es sind solch urige Naturerlebnisse, die Olivier Blanc den Besuchern bietet. Seine Wildtiere werden nicht zur Schau gestellt, sie werden mit allen Sinnen erlebt und entdeckt.
Europäischer Wolf: Leichtfüssig, ausdauernd, scheu und polarisierend. In Vallorbe leben die Wölfe in einem grossen Gehege in natürlicher Umgebung. Bilder: Patrick Weyeneth
Europäischer Braunbär: Georg teilt das Revier mit einer Wolfsfamilie.
Olivier Blanc: Er hat elf Jahre lang gekämpft, um sich einen kühnen Traum zu verwirklichen.
Bison auf dem Teller
LT. Der Juraparc in Vallorbe ist täglich ab 9 Uhr bis zum Eindunkeln geöffnet. Erwachsene bezahlen 4, Kinder 2,50 Franken Eintritt und können für eine unbegrenzte Zeit die Bisons, Bären und Wölfe beobachten. Gruppen ab zwölf Personen erhalten eine Ermässigung von 50 Rappen pro Eintritt. Willkommen sind auch Schulklassen.
Ebenfalls täglich geöffnet ist das Restaurant, in dem unter anderem auch Spezialitäten aus Bisonfleisch zu vergleichsweise moderaten Preisen serviert werden. Dieses ist zarter und würziger als Rindfleisch und enthält zehn Mal weniger Cholesterin. Zum Restaurant gehören ein Saal für Gruppen sowie ein Seminarraum. Die ganze Anlage ist rollstuhlgängig. Am bequemsten ist die Anfahrt aus dem Seeland via Kerzers und von dort auf der Autobahn bis Vallorbe. In Vallorbe folgt man den Schildern mit der Aufschrift «Grottes» und verlässt die Gemeinde in Richtung Vallée de Joux. Nach rund 5 Kilometern befindet sich das Restaurant direkt neben der Strasse.
Weitere Auskünfte sind erhältlich unter der Nummer 021 843 17 35.