Bieler Jugendliche von SVP missbraucht

Enttäuscht und getäuscht: Darsteller Cédric Romanens, Sprecher Jean-Christoph Dupasquier. Links im Bild: Anwältin Anna Hofer.
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«Ihr Ruf wurde geschädigt»
In der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz im Bieler X-Project sagten die Betroffenen, sie fühlten sich für eine politische Kampagne missbraucht und verurteilten die Aussagen des Films. Einzelnen Darstellern gehe es schlecht: «Ihr Ruf wurde geschädigt, viele von uns haben geweint, als sie den Film sahen», sagt Jean-Christophe Dupasquier, der bei den Dreharbeiten dabei war. Die Gruppe fordert, dass die SVP das Video sofort vom Netz entfernt und droht mit zivilrechtlichen Schritten.
«Wir hätten nie mitgemacht, wenn wir gewusst hätten, wie das Resultat herauskommt», sagt Jean-Christophe Dupasquier, Mitglied der Gruppe Capsule Corporation. «Einer Darstellung gegen Jugendliche und Ausländer hätten wir nie gutgeheissen.» Seine Gruppe gebe sich Mühe, den schlechten Ruf, welcher der Hip-Hop-Kultur anhafte, in ein positives Licht zu rücken. «Unsere Bemühungen wurden mit einem Schlag zunichte gemacht.»
50 Franken pro Tag
Gemäss der Version der Hip-Hopper hatte ein Freund von ihnen sie einem Regisseur vermittelt. Dieser drehte im Juni an drei Tagen mit ihnen einen Film. Der jüngste Schauspieler war 14, der älteste 22 Jahre alt. Auch Ausländer machten mit. Die Jugendlichen bekamen 50 Franken pro Drehtag. Sie wussten nicht, dass der Regisseur im Auftrag der SVP Schweiz drehte. Er gaukelte ihnen vor, ein Video aufzunehmen, das der Gewaltprävention diene. Der Regisseur hat die Hip-Hopper auch beim Tanzen gefilmt, er sagte ihnen, mit diesen Szenen werde er einen Kontrast zu den Brutalo-Aktionen herstellen. Und er versprach den Schauspielern, ihnen eine DVD zu schicken. Bis heute haben sie nichts mehr vom Regisseur gehört. Dafür haben sie am Dienstag festgestellt, dass er sogar eine Messerstecherszene nachträglich ins Video geschnitten hat.
SVP-Mediensprecher Roman Jäggi bezeichnet es als «unglaubwürdig», dass die Jugendlichen nicht gewusst hätten, worum es bei dem Dreh gegangen sei. «Ich vermute, sie haben eine politische Absicht», sagt er. «Wir haben sie bezahlt und sie haben ihre Arbeit gut gemacht.» Die SVP habe eine externe Firma beauftragt, den Film zu drehen. Den Namen der Firma gab Jäggi am Donnerstag Abend nicht bekannt, er sei nicht relevant. Die Bieler Jugendlichen weisen den Vorwurf zurück, die Geschichte aus politischen Gründen den Medien erzählt zu haben. Jean-Christophe Dupasquier: «Wir haben keine politischen Absichten, ich verfolge die Politik überhaupt nicht mit.» Anna Hofer, die Anwältin, der Jugendlichen empört sich: «Es ist erstaunlich, wie die SVP es immer wieder schafft, sich in die Opferrolle zu rücken.»
Reaktionen
Thomas Gfeller, Leiter Bieler Stadtmarketing findet den Film «jenseits von Gut und Böse», wie er auf Anfage des «Bieler Tagblatts» sagt. Er wollte am Donnerstag kaum glauben, dass wirklich die SVP dahinter stehe. «Dieser Film wird nur von einer verschwindenden Minderheit Ernst genommen.» Für Biels Image sieht er kein gravierendes Problem. Es sei zwar schade, dass die Stadt als Kulisse dienen müsse. Sie sei aber erstens nicht erkenntlich und diene auch nicht als Gegenstand. Als Schweizer Bürger sei er aber von der Brutalität und vom Appell an die niedernsten Instinkte erschrocken und betroffen.
Der Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli hat sich das Gewalt-Video der Schweizer Volkspartei angeschaut. «Das ist typisch SVP», sagt er. «Dass die Partei Jugendliche missbraucht, passt zu ihrer Art und Weise zu politisieren.» Auf die Tatsache, dass die SVP ihre Version «der Hölle» in Biel gedreht hat, will Stöckli «ironisch» vorgehen. «Ich bemühe mich, der SVP die himmlischen Seiten Biels zu zeigen.»
Die Bieler und Seeländer SVP wurde gestern vom Rummel, den ihre Mutterpartei durch das Video ausgelöst hatte, überrumpelt. Heinz Siegenthaler, Nationalratskandidat und Fraktionspräsident der Volkspartei im Berner Grossrat, hatte den Film auf der Wahlplattform der SVP noch nicht gesehen. Daher wollte er auch keine Stellung dazu nehmen.
Das ist im Video zu sehen
«Himmel oder Hölle» nennt die SVP das Wahlkampf-Video. Der Film beginnt mit einem Paar, das sich auf einem Sofa unterhält. Es wird das Gefühl einer heilen Welt vermittelt. Danach wird der Schriftzug «Himmel» eingeblendet, gefolgt vom Schweizer Kreuz. Wenig später ist ein schwarzer Hintergrund zu sehen, vor dem Flammen lodern und «Hölle» geschrieben steht. Es folgt der Satz: «Wenn Rot/Grün gewinnt, geht die Schweiz kaputt.»
Es folgen nachgestellte Szenen, die alle in Biel gedreht wurden: Jugendliche, die Drogen verkaufen und konsumieren, Betagte überfallen, Gleichaltrige zusammenschlagen und Mädchen angehen. Einige Szenen wurden vor dem X-Project am Walserplatz und im Bahnhof gedreht. Alle Aufnahmen werden in schwarzweiss gezeigt und mit düsterer Musik untermalt. Das Video geht dann über zu Aufnahmen aus der Nidaugasse. Gezeigt werden Frauen in Kopftüchern. Nach einer eingeblendenten «Blick»-Schlagzeile «Renten-Betrüger: So kassierte er in der Schweiz ab» wird ein Mann mit Familie gezeigt.
Der Film endet mit Aufnahmen, die als Gegensatz gedacht sind und mit fröhlicher Musik untermalt werden. Die Szenen wurden in Zürich und Luzern gedreht und zeigen Menschen in der Arbeitswelt. Dabei werden auch zahlreiche Firmenlogos eingeblendet. Später kreisen Kampfjets der Schweizer Armee über den Himmel. Zuletzt werden fröhliche Kinder und grüne Landschaften gezeigt. Das Paar, das zu Beginn des Films auf dem Sofa sass, wird nochmals gut gelaunt eingeblendet. Danach steht: «Die Wahl ist klar. Mein Zuhause – unsere Schweiz».
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